BMW R nineT – Ein Testbericht

Wie alles begann 

Es war das Jahr 2019, als der östrogene Teil von Rabbit and Wolf sich bei ihrem damaligen Arbeitgeber spontan eine BMW R nineT ausgeliehen hat. Einfach mal so. Zum Ausprobieren.
Was dann passiert ist, kennt sicherlich jeder Motorradfahrer aus eigener Erfahrung. Man setzt sich auf einen Bock und hat sofort das Gefühl: „Oh ja, das ist genau mein Bike!“. Oder im Umkehrschluss: „Ne, ist zwar schön anzusehen, aber wir passen einfach nicht zusammen!“. Eigentlich wie in anderen Lebensbereichen auch. Optisch super, aber nach dem ersten Ritt doch nicht überzeugend.

Nachdem dann eine brandneue R nineT, in unserem Wohnzimmer, auf den Beginn der neuen Saison wartete, ist vermutlich klar, welche Emotion die Probefahrt auslöste.

Tja, und wenn da etwas mit zwei Rädern auf einmal vor mir steht und ich den Schlüssel in der Hand habe, da kann ich dann ja auch nicht anders, und muss das Ding mal fahren.

Welche Eindrücke die Bayerin bei mir hinterlassen hat, das erfahrt ihr im folgenden Testbericht.

Aber zuerst noch eine kurze Anmerkung:
Wann hat BMW dieses Modell das erste Mal auf den Markt gebracht? Was hat sich zum Vorgängermodell verändert? Wie ist sie im Vergleich zu anderen Mopeds dieser Kategorie?
Ganz ehrlich – die Daten und Fakten wissen die meisten doch eh schon, wenn sie sich für diese Gattung an Motorrad interessieren. Und Vergleiche sind aus meiner Sicht meist eh nur Worte ohne viel Mehrwert. Es geht um dieses eine Bike. Seine Vor- und Nachteile. Nicht darum, was andere Hersteller besser, schlechter oder anders machen.
Am Ende sind für den Kauf einer Mopete doch nicht die Fakten ausschlaggebend, sondern dass Zweirad und Fahrer perfekt zusammenpassen und sie sich „verstehen“.

 

 

Der erste Eindruck

 … ist entscheidend! Oder manchmal auch nicht…
Schon bei der Markteinführung war ich nicht ganz überzeugt. Und dieser Eindruck ist bis Ende des vergangenen Jahres immer geblieben. Aber eigentlich nur wegen einem Detail: Der Boxer. Nicht wegen dem Sound oder der Charakteristik. Sondern einfach wegen der Optik. Für mich sollten die ganzen „Heritage“- Bikes, Cafe Racer, Scrambler und was es mittlerweile noch alles für Nischenbezeichnungen gibt, eine schlanke Linie haben. Warum? Keine Ahnung… So war es einfach immer in meinem Kopf. Aber mittlerweile ist es mit der nineT wie bei einem guten Album: Je öfter man die Songs hört, desto besser werden sie. Und nachdem die BMW ja jetzt zur Familie gehört, sehe ich sie relativ häufig. Und ich muss sagen, mit jedem Tag mag ich ihr Äußeres immer mehr. Sei es nun die Einarmschwinge inkl. Speichenrad (unglaublich sexy!), das schlanke Heck (mmmmhhhhhh!) oder der, für diese Motorradart, recht große Tank (wunderschön!).
Alles ist schön clean, aufgeräumt und passt zusammen. Da scheint sich jemand tatsächlich Gedanken gemacht zu haben, dass sich kein Detail in den Vordergrund drängt und damit den Gesamteindruck stört. Purismus pur! So, wie es für so ein Motorrad sein sollte.

Ok, natürlich gibt es auch was zu meckern. Der Kennzeichenhalter ist, wie bei jedem Bike im Auslieferungszustand, einfach zu ausladend und wirkt billig. So auch die Sitzbank. Der Bezug sieht aus, wie eine schmierige Einkaufstasche aus Recyclingmaterial. Ja, das ist Jammern auf hohem Niveau und kann sehr einfach und schnell angepasst werden. Aber nur in den Himmel loben wäre unrealistisch.

Da wären wir auch schon beim Thema Individualisierbarkeit. Schwieriges Thema. Nicht, weil die Basis schlecht ist, oder weil man keine anständigen Teile bekommt. Ganz im Gegenteil. Die Baiuwarin ist dafür absolut großartig geeignet. Und es gibt Teile noch und nöcher. Und das ist das Problem! Für was soll man sich entscheiden?! Eigentlich könnte man sich gleich fünf R nineTs kaufen und man hätte immer noch Zubehörteile im Kopf, die man gerne kaufen und verbauen würde.

Klar, es gibt auch Mopedfahrer, die für ein individualisiertes Bike nicht gleich so tief in die Tasche greifen wollen, dass sie ihre Schwiegermutter verpfänden müssen. Und auch dazu eignet sie sich hervorragend. Es muss nicht viel gemacht werden und schwupps – „neues“ Bike. Schaut euch im Netz nur mal R nineTs an, bei denen einfach nur alle Aluteile geschwärzt wurden. Sieht gleich nach einem Bike aus, das auch Batman in seiner Garage parken würde.

 

 

Das Herzstück

Eine Wucht! Hat jemand mit einer anderen Einschätzung gerechnet? Wäre etwas verwunderlich, wenn BMW ihre Kernkompetenz des Motorenbaus nicht beherrschen würde. Was war nochmal die Bedeutung der Abkürzung „BMW“?

Für die heutige Zeit klingen 110 PS vielleicht nicht nach viel. PS lassen eh „nur“ die Nadel auf dem Tacho noch weiter im Uhrzeigersinn wandern. Für die Rennstrecke sinnig. Da wird man sie aber wohl eher nicht hin entführen. Auf der Landstraße stehen das Drehmoment und der Hubraum viel eher im Fokus. Auch hier kann man jetzt mit Zahlen, wie 116 Nm und 1170 ccm, herumwirbeln. Und was sagt uns das? Wenn man nicht auch noch die Übersetzung, das Gewicht, etc. mit einbezieht, rein gar nix.

Was aber interessant ist, was diese Zahlen im Bauch und Gesicht des Fahrers auslösen.
Die Antwort: Kribbeln und Grinsen! Auch aus dem unteren Drehzahlbereich schiebt sie sich und ihren Reiter aus jeder Ecke kraftvoll raus und sorgt für Lachfalten. Langsamen Rentner im Fiat Punto vor dir und keinen Bock vor dem Überholen runter zu schalten? Kein Problem. Einfach Gashahn auf und das Ding zerrt einem die Arme in die Länge. Ein ungutes Gefühl, diese Kraft nicht mehr im Griff zu haben, tritt aber nie auf. Kein abrupter Punch, der einem bei einer gewissen Drehzahl, so eine Nackenschelle verpasst, dass man gleich seinen Orthopäden aufsuchen muss. Die einen würden es als emotionslos beschreiben. Und genau die macht man, dank dieser Charakteristik, an einem Bergpass nass. Und allein das seitliche Schaukeln des gesamten Bikes beim Starten, Gas geben im Stand und beim Abschalten des Motors sind pure Emotion. Diese seitlichen Kräfte können, wenn man das Bike gerade erst kennen lernt, für einen kurzen „Schreck“ sorgen. Nämlich, wenn man in der Kurve in Schräglage einen Schaltvorgang durchführt. Durch die Unterbrechung des Kraftschlusses „zuckt“ die Dame kurz. Dies sorgt, einen Bruchteil einer Sekunde, für ein Gefühl, sie würde leicht aus der Spur geraten. Tut sie aber nicht.

Irgendwo müssen die Überschüsse dieser kraftvollen Verbrennungsvorgänge am Ende ihren Weg in die Freiheit finden. In diesem Fall führt dieser durch einen Topf von Akrapovic, den der nette BMW-Mitarbeiter direkt zur Auslieferung montiert. Und ich muss sagen – schön! Wirklich schön! Dem einzigartigen Boxer-Sound wird damit bestens gehuldigt, ohne die momentanen Diskussionen um Lärmbelästigung durch Motorräder noch weiter anzuheizen. Und optisch auch vollkommen in Ordnung. Wem der Sound, oder das Erscheinungsbild des slowenischen Topfes nicht zusagen, keine Sorge, es gibt auch in diesem Zubehörsortiment eine Auswahl, die kaum Grenzen kennt. Von einem Topf, über zwei Töpfe, Klappenanlage, oder auch nach oben verlegt. Hier bleiben keine Wünsche offen!

 

 

Sie fährt, schaltet und bremst

Und das „überraschend“ großartig. Dass sie sich fährt, wie ein Sack Nüsse, damit rechnet niemand. Aber dass man bei einem „Heritage“ – Bike das Gefühl hat, ein Naked-Bike zu pilotieren, das hat mich persönlich schon positiv überrascht. Die Upside-Down Telegabel und das Zentralfederbein sind nicht zu hart und nicht zu weich. Alle Unebenheiten werden einfach glatt gebügelt und auch in holprigen Kurven fährt sie wie auf Schienen. Besonders beeindruckt mich persönlich die Agilität, die man ihr optisch in der Art gar nicht zutrauen würde. Egal, ob man es ganz gemütlich angehen lässt, oder ihr auch mal die Sporen gibt. Sie fällt so spielerisch in die Kurven, dass man wahrscheinlich einen Schimpansen drauf setzen kann und der klebt am Pass dem Sportler vor ihm unaufhörlich am Heck. In Verbindung mit der Spurtreue fühlt es sich federleicht und sicher an. Nicht, wie wenn man mal lieber schon sein Testament geschrieben hätte. Und das bei einem Fahrwerk mit aktueller Werkseinstellung!

Ohne Getriebe auch keine Bewegung… Dieses schaltet butterweich, die Gänge bleiben da, wo sie sollen und nichts hakt oder kracht. Sogar den Leerlauf bekommt man eigentlich immer auf den ersten Versuch rein und man landet nicht gefühlte 100 Mal wieder im zweiten und dann wieder im ersten Gang. Nur manchmal will der Erste nicht immer sofort rein. Kurz die Kupplung loslassen, wieder ziehen und schon geht es in der Regel. Trotzdem schafft man es mit diesem Manko, sich an der Ampel kurzfristig beim Hintermann, der es in solchen Momenten ja immer eilig hat, unbeliebt zu machen.

Irgendwann muss der Schwung mal ausgebremst werden. Mit der Doppelscheibenbremse mit 4-Kolben-Festsattel vorne und der Einscheibenbremse inkl. Doppel-Kolben-Schwimmsattel hinten, kein Problem. Sehr gut zu dosieren. Vorne, wie hinten. Nicht zu weich, so dass man einen Krampf in Fingern und Zehen bekommt, weil man zu sehr reingrapschen muss, aber auch nicht zu giftig, dass man beim Einparken vor dem Café einen unfreiwilligen Stoppie zum Besten gibt.

 

 

Wie es sich anfühlt

Gut, wirklich richtig gut! Egal, ob man knapp unter 170 cm (durch Erzählung bestätigt) oder 187 cm groß ist. Der Kniewinkel ist bei jeglicher Art der Fortbewegung, ob entspannt oder sportlich, sehr angenehm. Auch nach längeren Strecken hat man nicht das Gefühl, dass man seine Knie nie wieder zu 100% ausstrecken könne. Kleine Personen kommen, dank der schmalen Sitzbank, ebenfalls problemlos mit beiden Füßen sauber auf den Boden und eine große Person wirkt nicht, wie auf dem Porzellanthron. Die Lenkerposition ist, wenn sich der Mechaniker genau an die Positionsmarkierungen hält, für meinen Geschmack etwas zu niedrig. Das wirkt sich auch etwas negativ auf die Agilität aus. Wenn man den Lenker aber ein paar Grad nach vorne dreht und die Armaturen an die neue Einstellung anpasst, hat man nach 15 Minuten mehrere „Probleme“ auf einen Schlag gelöst. Die Sitzposition wird etwas sportlicher, ohne dabei zu sehr nach vorne geneigt zu sitzen, und die R nineT fühlt sich gleich noch handlicher an. Vor allem bei langsamem Tempo. Ist ja kein Geheimnis, was breite, und eher nach vorne geneigte, Lenker bewirken.

Die Instrumente sind bei jedem Lichteinfall problemlos abzulesen. Analoger Technik sei Dank. Die digitalen Elemente fügen sich gut in das Gesamtbild ein und informieren über alle notwendigen Details. Ok, nachdem dieses Zweirad ja nicht mit allzu viel Schnickschnack auskommt, braucht man auch kein halbes Rechenzentrum im Cockpit. Und keinen VHS-Kurs, um überhaupt erstmal losfahren zu können.

Der kleine Wermutstropfen: Das Zündschloss ist direkt vor dem Tank montiert. Hat man neben dem Zündschlüssel noch einen weiteren, oder auch einen Anhänger, dann dengelt es während der Fahrt immer gegen den Lack und verkratzt diesen. Hier sollte man etwas aufpassen. Da man jedoch einen zweiten Schlüssel benötigt, um die Sitzbank entriegeln zu können, und man diesen wohl eher nicht gesondert mitnimmt, schmirgelt auf jeden Fall etwas. Und wenn es nur der Ring ist. Da bringt es auch nicht viel, dass der Schlüssel vom Sitz mit Gummi umschlossen ist.

Der große Wermutstropfen: Die Sitzbank. Keine Ahnung, ob das nur mir so geht. Aber es wird nach recht kurzer Zeit etwas „unkomfortabel“. Männer werden es kennen, wenn es langsam immer wohlig wärmer zwischen den Arschbacken wird, bis dann irgendwann die komplette Taubheit einsetzt. Und bei diesem Sitz nicht erst nach acht Stunden und 450 Kilometern, sondern schon nach einer Stunde. Ein Umstand, bei dem ich mich noch um eine Lösung kümmern muss. Wie der Soziussitz ist? Das werde ich wohl nie erfahren, da ich niemals hinten Platz nehme – Angst sei Dank. Laut meiner Frau, die einmal für ca. 30 Kilometer in den „Genuss“ kam, eher suboptimal.

 

 

Schlussfolgerung

Was lernt man daraus? Man erwischt sich selbst einfach immer wieder dabei, wie man sich vorab seine Meinung bildet, ohne alle Hintergründe zu kennen. Aber es geht ja um das Bike…

Ich bin selten ein Motorrad gefahren, von dem ich schon nach den ersten Kilometern so angetan war. Ein absolut gelungenes Gesamtkonzept, welches in seinem Einsatzbereich auf ganzer Linie überzeugt. Die kleinen Kritikpunkte fallen dabei kaum ins Gewicht. Zumal sie schnell und günstig aus der Welt geschafft werden können. Zwar ruft BMW in der Basis stolze 15.450€ auf, aber dabei sollte man eines beachten: Das Motorrad ist ab Werk schon wirklich schick und die Performance ist tadellos. Entscheidet man sich für ein Zweirad, welches vielleicht ein paar Euro günstiger ist, dann sollte man dabei aber bedenken, dass man mit ziemlicher Sicherheit mehr investieren muss, um auf das gleiche Level zu kommen. Und dann steht unter dem Strich die gleiche Zahl. Mal komplett abgesehen vom Werterhalt einer gepflegten Maschine aus München.